
Geboren in
einer Zeit, als der Techno laufen lernte: Der Club Ultraschall
II im Kunstpark Ost wird am Samstag 5 Jahre alt.
Süddeutsche
Zeitung 22.09.2001 / Von Alexander Runte und Thilo Kunzemann
Sie sind
kaum älter als zwanzig, tragen Plateauschuhe, metallisch glänzende
Schlaghosen und hautenge Polyester- Shirts. Dazu Halsbänder mit
Metalldornen. Ihre Nasen und Lippen sind gepierct. Es ist Freitagabend,
und der Zug hat sie aus dem Umland zum Hauptbahnhof gebracht. Hier sammeln
sie sich und schlagen, unter den irritierten Blicken der Passanten,
die Zeit tot. Später werden sie gemeinsam weiter ziehen Richtung
Kunstpark Ost, Ultraschall II.
Ein Büro
in der Lindwurmstraße: Peter Wacha, 39, trägt braune Lederschuhe,
eine schwarze Hose mit dezenten Bügelfalten und einen braunen Pullover.
Nichts erinnert an die durchgestylten Raver vom Bahnhof. Und doch würde
ohne ihn, David Süß, 35, und Dorothea Zenker, 36, ein großes
Loch in der Münchner Techno-Szene klaffen. Wacha, alias DJ Upstart,
Süß und Zenker sind die Betreiber des Ultraschalls.
Feiern ohne
Kompromisse
Seit sieben
Jahren führen die drei den Club, seit fünf Jahren im Kunstpark.
Sie organisieren Partys, über die ein englisches Musikmagazin einmal
schrieb, es wären die besten in Europa. Lauter, länger und
exzessiver als anderswo. Am kommenden Samstag gibt es für das Feiern
sogar einen Anlass: Das Ultraschall II wird fünf Jahre alt. Zum
Platten Auflegen und Feiern kommen 13 DJs aus allen Teilen der Welt.
Von Samstagnacht bis Sonntagmittag und zwar gepflegt-exzessiv,
wie Peter Wacha das nennt. Der Club hat nicht nur die Münchner
Musikkultur geprägt, sondern auch seinen Teil zur Erfolgsgeschichte
des Techno beigetragen.
Abseits der
Love Parade
Was war das
eigentlich, Techno? Der Begriff ist schwammig geworden in den letzten
Jahren. Die Love Parade gehört dazu, das Ultraschall auch
aber der Unterschied zwischen diesen beiden Institutionen des Techno
könnte kaum größer sein. Die eine, millionenfach besucht
und vermarktet. Die andere, etwas nüchterner vielleicht als vor
fünf Jahren, aber immer noch Ausdruck eines individuellen Lebensgefühls.
Es hat sich einiges geändert, seit die Ultraschall-Macher
begeistert vom Berliner Techno-Club Tresor 1991 begannen, eigene
Partys im Münchner Umland zu organisieren. Ultraworld hießen
diese Feste, und ihre Musik war radikal, anders, verstörend.
Die etablierten
Strukturen der Musik sprengen
Techno
war damals so interessant, weil die Strukturen der bisher bekannten
Popmusik zerstört wurden. Damals, erzählt David Süß,
hätten sie miterlebt, wie eine neue Jugendkultur entstand, die
mit allem Altvertrauten brach: Du willst dich abgrenzen über
deine Mode, deine Musik, die Clubs, in denen du feierst. Zehn
Jahre später scheint ihre Einschätzung gelassener. Die drei
sprechen von einem Verantwortungsgefühl, das man gegenüber
den jungen Gästen habe. Rebellion sei nicht mehr ihr Thema. Die
Aufbruchstimmung ist vorbei, aber es macht immer noch Spaß,
sagt Peter Wacha.
Plattenladen,
Musiklabel und Club
1991 gründete
der Mitbesitzer des Optimal-Plattenladens das Label Disko
Bombs (inzwischen Disko B), um die etablierten Tanzläden mit Techno
zu beschallen. Bald erschienen auf Disko B Platten von DJ Hell, Richard
Bartz oder Patrick Pulsinger. Label und Plattenladen bildeten eine feste
Basis für die Arbeit der beteiligten Künstler. Treffpunkt
waren die Ultraworld-Partys; 1994 kam das Ultraschall I in der ehemaligen
Küche des Flughafens in Riem dazu, vermittelt und vorfinanziert
vom damals schon allgegenwärtigen Wolfgang Nöth. Als 1996
der Flughafen abgerissen wurde, mietete Nöth das Gelände der
ehemaligen Pfanni-Werke am Ostbahnhof.
Umzug in
die Populärkultur
Der Kunstpark
Ost war geboren, das Ultraschall II der erste Club. Keinen Tag zu spät:
Ein stinkendes, dreckiges Loch sei der alte Club gewesen,
sagt Süß. Auf den Toiletten stand mir am Sonntagmorgen
das Wasser bis zu den Knien. Fragt man heute Veteranen der Szene,
hört man melancholische Kommentare, legendär sei es gewesen.
Schon deshalb fiel die Entscheidung zum Umzug nicht leicht. Mehr als
eine halbe Million Mark kostete der Umbau der ehemaligen Kartoffeltrocknungsanlage.
Gleichzeitig verließ die Szene den Untergrund, Techno wurde zum
Massenphänomen.
Untergrund
mit Verpflichtungen
Früher
wusste man gar nicht, wer gerade auflegte. Der DJ ging in der Menge
unter, erinnert sich Wacha. Mittlerweile blicken die Tänzer
gebannt auf den DJ-Pult, die Leute dahinter sind Stars geworden. Große
Firmen verdienen mit Musiker wie Marusha seit Jahren viel Geld. Die
Radikalität der frühen Jahre ist vorbei. Für die
Macher des Ultraschall eine zwiespältige Situation: Sie fühlen
sich dem musikalischen Untergrund verpflichtet, ihr Club soll sich aber
auch rechnen. Also buchen sie Superstars wie DJ Jeff Mills aus Detroit
genauso wie jungen Nachwuchs, der klassische Schemata sprengt. Ohne
Plattenspieler steht etwa Adam Domaracki alias 16 Grey scale
vom Münchner Künstlerkollektiv Cocks on weed an
der Tanzfläche. In der Hand hält er einen Gameboy. Die Tänzer
bemerken kaum, wer da wie Musik macht. Der stampfende Bass treibt sie
vor sich her wie Schafe. Glückliche Schafe.
Vorne Party,
hinten Ruhe
Zwei Tanzflächen
gibt es im Club. Auch hier zeigt sich der Zwiespalt zwischen Kunst und
Kommerz. Im größeren der beiden Räume werden tanzbare
Sounds gespielt. Spaßgarantie nennt Wacha das. Der
hintere Teil des Clubs ist für experimentelle Musik reserviert.
Durchquert man die Räume, ändern sich Tempo und Rhythmus der
Musik, aber auch die Stimmung der Gäste. Während vorne die
Party tobt, ziehen sich Verliebte und Erschöpfte in den hinteren
Teil zurück. Sie liegen in den Sofas, sitzen am Boden, lehnen an
der Bar. Betrunken ist kaum einer. Alkohol ist teuer, Bier und Longdrinks
gehen schlecht. Doch die Bar finanziert den Club, sagt Wacha.
Und zwar mit Red Bull, Wasser und Saft.
Exzessiver
Kulturgenuss
Wer Stunden
oder Nächte lang tanzt, braucht viel zu trinken und dazwischen
auch etwas Ruhe. Deshalb ist es hier hinten leiser, zum Reden allerdings
immer noch zu laut. Wer nicht schreien will, lehnt sich zurück
und betrachtet die Feiernden, die Bilder und Filme an den Wänden.
In den Ecken stehen wechselnde Installationen: zerstörte Fernseher,
kaputte Räder. Seit 1994 werden sie unter anderem von den Videokünstlern
des High Flyer-Teams erstellt. Auch zur Geburtstagsfeier
werden Künstler der Gruppe mit ihren Bildern spielen. Über
allen Konzepten und Ideen stehe allerdings nur ein Zweck, sagt Süß:
Die Leute sollen sich wohl fühlen, tanzen und ihren Spaß
haben.
"Wir
könnten auch was ganz anderes machen!"
Für
die Betreiber bedeutet das harte Arbeit, an Wochenenden kommen manchmal
20 bis 25 Stunden am Stück zusammen. Auch ans Aufhören hätten
sie ab und an gedacht, dann aber immer weiter gemacht. Zu viele Ideen,
zu viel Liebe für die Musik. Erst vor kurzem wurde der Club aufwändig
umgebaut. In 15 Monaten aber soll der Kunstpark Ost schließen,
und das wäre auch das vorläufige Ende des Ultraschall. Ob
und wie es danach weiter gehen wird, ist unklar. Die musikalische Betreuung
des Clubs hat Wacha bereits vor einigen Monaten an den 24-jährigen
Maxim Terentjev übergeben. Er will sich nun verstärkt um sein
Plattenlabel kümmern. Und schließlich, sagt Wacha, gibt
es auch Phasen im Leben, wo man vom Nachtleben genug hat und einfach
Bauer werden möchte.